* Startseite     * Über...     * Archiv     * Gästebuch     * Kontakt     * Abonnieren



* Letztes Feedback






Das Drama von Katyn

Im Frühjahr 1940 ermordete der sowjetische Geheimdienst NKWD in den Wäldern von Katyn über 20.000 polnische Offiziere und Intellektuelle - Ziel war die Vernichtung der polnischen Elite. Der Massenmord von Katyn war Teil einer Vernichtungsorgie Stalins, die 1936 mit den "Säuberungen" in der Sowjetunion begonnen hatte. Insgesamt vielen den Morden mehrere Millionen Menschen zum Opfer. Es war also keine rein polnische Gedenkfeier an der letzte Woche der polnische Premierminister Tusk und sein russischer Amtskollege Putin teilgenommen haben. Von der Kranzniederlegung am polnischen Massengrab gingen beide direkt weiter zum russischen. Die Gedenkpredigt wurde in mehreren Sprachen gehalten und die Predigt hielten Vertreter unterschiedlicher Konfessionen und Religionen: Ein russisch-orthodoxer Priester, ein katholischer Pfarrer, ein Rabbiner, ein evangelischer Pastor und ein Vertreter der muslimischen tatarischen Gemeinde in Polen. Alle diese Religions und Volksgruppen hatten im Frühjahr 1940 Opfer zu beklagen und waren in Trauer vereinigt.

70 Jahre später sollte Katyn noch einmal zum "Fatum" werden, wie es Polens ehemaliger Präsident Kwasniewski gestern im polnischen Fernehen ausgedrückt hat. Ausgerechnet auf dem Weg zur Trauerfeier verunglückte ein polnisches Regierungsflugzeug und Katyn wurde erneut zum Schauplatz der Vernichtung der polnischen Elite - es starben der Präsident und seine Frau, viele Politiker und Abgeordnete aller Parteien, die gesamte Armeeführung und viele ehemalige Mitglieder der Freiheitsbewegung der Gewerkschaft Solidarnosc, darunter auch die Urheberin des Streiks und Symbolfigur Anna Walentynowicz. Es starb auch Polens letzter Präsident im Exil Ryszard Kaczorowski - zur Erläuterung: die polnische Regierung floh, nach der Besetzung des Landes durch Deutschland und die Sowjetunion im Jahr 1939, nach London; dort blieb auch der Sitz der Exilregierung bis 1989, die sich anstelle der kommunistischen Partei in Polen als rechtmäßige Regierung verstand. Der erste Premierminister im Exil, Wladyslaw Sikorski starb 1943 ebenfalls bei einem Flugzeugabsturz über Gibraltar. Auch hier könnte man also wieder von "Fatum" sprechen.

"1940 starb die Blüte der zweiten polnischen Republik in Katyn, 70 Jahre darauf ist es die Blüte der dritten", so ein Kommentator des polnischen Fernsehens am gestrigen Tag.

Was folgt für Polen aus dieser Katastrophe? Als erstes einmal reiht sich dieses Unglück auf erschreckende Weise in die Geschichte des Landes ein: Bereits im 19. Jahrhundert sahen polnische Dichter der Romantik wie Adam Mickiewicz die Polen als "Märtyrer unter den Völkern" - das Land hatte am 3. Mai 1791 die erste Verfassung Verfassung Europas erlassen und wurde nur ein Jahr später von seinen Nachbarländern Russland, Preußen und Österreich geteilt. In zwei großen Aufständen versuchte das Land im November 1830 und im Januaraufstand 1863 seine Unabhängigkeit vergeblich wiederzuerlangen. Erst 1918, mit dem Zusammenbruch der Besatzerstaaten, konnte Polen wieder zu einem eigenständigen Staat werden und sich vor einem Angriff der Bolschewiken 1920 behaupten. 1939 wurde das Land wieder geteilt, diesmal zwischen der Sowjetunion und Deutschland - ein Großteil des Holocaust wurde durch die Deutschen auf polnischem Boden verübt, Millionen von Polen ermordet und von Deutschen und Sowjets aus ihrer Heimat vertrieben. Nach 1945 setzte die Sowjetunion eine Marionettenregierung in Warschau ein und das Land blieb bis 1989 kommunistisch.

Aus dieser Geschichte sind auch die Ressentiments zu verstehen, welche die Zwillingsbrüder Kaczynski 2005 zum Wahlerfolg verholfen haben - die z.T. irrationale Angst vor den großen Nachbarn Deutschland und Russland und die Furcht davor die erst vor kurzem erlangte nationale Souveränität erneut abgeben zu müssen, diesmal an die EU. Verständlich das jedes als bedrohlich empfundene Zeichen der Nachbarn, wie die Chefin des Vertriebenenverbandes Erika Steinbach oder die Ölpipeline zwischen Deutschland und Russland erhebliche Wirkung in Polen gehabt haben.

Doch Polen darf auf keinen Fall oberflächlich betrachtet werden: Die Zustimmung zur EU ist in Polen sehr hoch und die meisten sind auch dem Nachbarn Deutschland gegenüber Positiv eingestellt. Die wirtschaftliche Verbesserung seit 2004 hat zudem auch vielen die Angst genommen.
Der Kurs des Nationalkonservatismus der Brüder Kaczynski ist bei den letzten Wahlen 2007 gescheitert und auch für die Präsidentschaftswahlen im November 2010 hatte Lech Kaczynski nur noch eine Zustimmung von etwa 22%.

All das ist natürlich aktuell kein Thema mehr in Polen. Der Tod des Staatsoberhaupts macht alle Polen gleichermaßen betroffen, auch wenn man oft hört "Er hat meinen politischen Vorstellungen nicht entsprochen, aber menschlich ist es eine Tragödie" - viele sehen in Anlehnung an den Dichter Mickiewicz Polen erneut als "Märtyrer unter den Völkern" und immer noch neigen viele Polen zur romantischen Verklärung ihrer Geschichte: Die Teilung hatte etwa seine Ursache auch in der katastrophalen Zerstrittenheit unter dem polnischen Adel und die Aufstände wurden mit vielen Idealen aber mit wenig Sachverstand geführt, ohne die Mehrheit der Bevölkerung. Auch die aktuelle Katastrophe könnte durch die Ungeduld des Präsidenten ausgelöst worden sein, der vor zwei Jahren bereits einen Piloten entlassen hat, der sich geweigert hat bei schlechtem Wetter, in Tiflis (Georgien) zu landen.

Bleibt also zu hoffen dass sich das Land schnell von dem Unglück erholt und dadurch nicht wieder alte Ressentiments wieder aufkommen. Bis jetzt scheint aber das Gegenteil der Fall zu sein: In einer Gäste der Anteilnahme umarmte der russische Premier Putin seinen Amtskollegen Tusk, Russland hat für den Montag Staatstrauer angeordnet und der polnische Film "Katyn", über das Massaker von 1940 soll zur besten Sendezeit im russischen Fernsehen laufen. Vielleicht ein Neubeginn der polnisch-russischen Beziehungen, ein kleines Glück in einem gigantischen Unglück.
11.4.10 19:43
 


Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung