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Der Landwirt, die Linke und die Weltpolitik

„Ich hab ne ganz schlimme Vermutung, dass dieses Afganischtan endet wie Vietnam, weil wir einfach dort nichts verloren haben“ ( www.youtube.com/watch?v=g2rkCgBciYk ) – dieser Satz stammt von einem Landwirt aus dem Parteiwerbespot der Linken, der neben seiner üblichen Landarbeit noch über die Weltpolitik nachsinnt. Ein Idealbild des gebildeten Werktätigen, fleißig bei der Arbeit und dennoch nachdenklich über die aktuellen politischen Themen. Ein Landwirt und Weltpolitik? Wie alles in den perfekt durchgeplanten Parteiwebungen, ist auch das kein Zufall, im Gegenteil! Nicht nur in der DDR als „Arbeiter und Bauernstaat“ wurde der Landwirt zum Träger der sozialistischen Gesellschaft und Politik stilisiert; alle sozialistischen Länder sahen im aufgeklärten Bauern, natürlich zusammen mit dem Arbeiter, einen der Eckpunkte ihrer Gesellschaft. Doch halt! Die Linke ist natürlich auch bemüht, trotz aller Verklärung der DDR in Medien und Gesellschaft, den real existierenden Sozialismus, der ihr wie ein Klotz am Bein hängt, möglichst loszuwerden. So ist der Landwirt in diesem Clip auch nicht der stilisierte Landwirt des „sozialistischen Realismus“, es ist der einfache Mann vom Bauernhof um die Ecke, mit Latzhose und einem gammeligen Tracktor. Warum ist also ausgerechnet der Landwirt die Stimme für die Außenpolitik der Linken?

Zunächst ein kleiner Blick in die Geschichte: Im 19. Jahrhundert gab es im zaristischen Russland eine Gruppe, die sich Narodniki nannte. Dies waren meist Studenten aus reichen Familien, die aber sehr begeistert von den Ideen des frisch aufgekommenen Sozialismus waren. Aber noch mehr: Sie sahen in den russischen Bauern die Substanz der russischen Nation und auch die Lebensweise der Bauern wurde als beispielhaft für eine sozialistische Gesellschaft gesehen. Die Narodniki waren Slawophile, sahen also in der Tradition der russischen Bauern, eine Alternative zum dekadenten Lebensstil der westlich geprägten Intellektuellen in den Städten. Das einzige was man jetzt zu tun hatte, war „ins Volk zu gehen“ und den Bauern über seine so vorbildliche Lebensweise aufzuklären. Die jungen Gelehrten machten sich also voller Enthusiasmus auf den Weg in die Dörfer, um den Bauern die frohe Botschaft zu verkünden. Es endete mit einem Debakel. Die Narodniki wurden verprügelt und aus den Dörfern gejagt. Die Bauern sahen einfach eingebildete Städter nicht gerne, die unverständliches Zeug faselten und den Zaren beleidigten. In den Jahren nach der Oktoberrevolution 1917 wurden die Bauern schließlich durch Zwang zu Sozialisten. Ende der Geschichte? Nein! 200 Jahre später hat es die Linke geschafft! Der aufgeklärte Bauer redet frei und ohne Zwang über Weltpolitik; völlig gleichberechtigt mit dem Akademiker; das Ziel der Narodniki ist erfüllt! Wenn auch 200 Jahre zu spät und auch noch im falschen Land.

Aber immer noch ist der Landwirt keiner von ihnen geworden! Keine Akademiker, kein Intellektueller nur der einfache Mann, der sich Gedanken über die Welt macht. Das spiegelt sich auch in seiner Sprache: „Ich hab ne ganz schlimme Vermutung“, keine Gewissheit! Der Akademiker würde sagen „ich bin der festen Meinung“ oder „ich bin mir sicher dass..“ . Aber nicht der Landwirt! Er reagiert wie es die Bauern schon immer gemacht haben, mit der viel zitierten „Bauernschläue“. Er weiß es nicht sicher aber er vermutet; woher sollte er es auch wissen? Er war noch nie am Hindukush und hat vielleicht auch noch nie ein Buch über das Thema gelesen. Dennoch ist er „aufgeklärt“, weiß wo Afghanistan liegt und hat auch seine Meinung dazu. Aber durch seine Bauernschläue, wird diese „Vermutung“ ja auch schon eine Gewissheit! Mit seinem besorgten Blick, denselben den er hat wenn er vermutet, dass die Kartoffelkäfer wohl dieses Jahr die Ernte fressen. Auch die Narodniki waren in ihren romantischen Vorstellungen, vom Bauern als „ungebildet aber dennoch schlau“ überzeugt! In der Erzählung „Herr und Knecht“ vom als slawophil bekannten Tolstoj etwa, warnt der leibeigene Kutscher den Herren in einen Schneesturm zu fahren. Natürlich ignoriert der Herr den weit unter ihm stehenden Kutscher und beide erfrieren letztendlich im Schnee.

Was lernen wir daraus? Der moderne, aufgeklärte Landwirt steckt alle Experten, Journalisten und Akademiker in den Schatten! Zumindest im Parteispot der Linken. Die Partei sagt damit aber nicht „wir werden in Zukunft soweit sein, dass selbst die Bauern über die Weltpolitik bescheid wissen“, Nein! Sie stellen uns vor vollendete Tatsachen: „Seht her! Dank der linken Politik der letzen 200 Jahre, ahnt selbst der einfache Landwirt, dass ihr mit eurer Weltpolitik falsch liegt“. Eine Kriegserklärung an alle Akademiker und Journalisten. „Deutschlands Sicherheit wird am Hindukush verteidigt?“ (Peter Struck), dieser Satz wird mit dem einfachen „weil wir dort einfach nichts verloren haben“ des Bauers hinweggefegt, auf die einfache und bodenständige Art . Keine Zahlen, keine Statistiken, keine Pläne, wir haben auf dem Boden des anderen nichts verloren und fertig! Liegt darin eine Spur von Solidarität mit den Standesgenossen? „Endet wie Vietnam“ ist ja schon ein Satz wie ein Mahnmahl! Im Vietnamkrieg besiegten einfache Reisbauern, den technisch weit überlegenen Gegner aus den Staaten. Auch Afghanistan ist ein Land, dass außer Landwirtschaft kaum etwas zu bieten hat. Vor 200 Jahren war das bei uns auch nicht anders. Der Bauer mit der Latzhose auf dem Tracktor, als letzter Überlebender einer archaischeren Welt, die es auch bei uns einmal gegeben hat. Mit seinem „wie“ erinnert er uns nicht nur an den Vietnamkrieg vor gut 30 Jahren, sondern auch an unsere eigene Vergangenheit. „Wisst ihr wie es bei uns einmal gewesen ist?“ schwingt in der Frage des Landwirts mit, als es in Deutschland keine Industrie, ja eigentlich noch nicht einmal ein „Deutschland“ gab. Wie hätten wir, die Bauern, auf einen Angriff von außen reagiert? Natürlich würden wir, mit der Mistgabel in der Hand, um unser Fleckchen Land kämpfen!

Heutzutage ist das anders. Die einzige Waffe des Landwirts ist das Wort und er hat gelernt es zu benutzen. Wo Anzugträger mit Schlips und Krawatte versagen, da wirkt das letzte Bisschen der archaischen Kraft des Bauern. Also der Tipp für die missverstandenen Außenpolitiker in Deutschland: Raus aus dem Anzug, rein in die Latzhose, raus aus dem Dienstwagen, rauf auf den Trekker. Wenn die Sache dann schief läuft, Afghanistan in einem blutigen Bürgerkrieg versinkt wenn die NATO weg ist, dann kann man ja sagen: „Warum habt ihr auch mich gefragt? Was weiss ich denn? Ich bin doch nur ein Landwirt!“
22.9.09 13:41
 


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