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Das Drama von Katyn

Im Frühjahr 1940 ermordete der sowjetische Geheimdienst NKWD in den Wäldern von Katyn über 20.000 polnische Offiziere und Intellektuelle - Ziel war die Vernichtung der polnischen Elite. Der Massenmord von Katyn war Teil einer Vernichtungsorgie Stalins, die 1936 mit den "Säuberungen" in der Sowjetunion begonnen hatte. Insgesamt vielen den Morden mehrere Millionen Menschen zum Opfer. Es war also keine rein polnische Gedenkfeier an der letzte Woche der polnische Premierminister Tusk und sein russischer Amtskollege Putin teilgenommen haben. Von der Kranzniederlegung am polnischen Massengrab gingen beide direkt weiter zum russischen. Die Gedenkpredigt wurde in mehreren Sprachen gehalten und die Predigt hielten Vertreter unterschiedlicher Konfessionen und Religionen: Ein russisch-orthodoxer Priester, ein katholischer Pfarrer, ein Rabbiner, ein evangelischer Pastor und ein Vertreter der muslimischen tatarischen Gemeinde in Polen. Alle diese Religions und Volksgruppen hatten im Frühjahr 1940 Opfer zu beklagen und waren in Trauer vereinigt.

70 Jahre später sollte Katyn noch einmal zum "Fatum" werden, wie es Polens ehemaliger Präsident Kwasniewski gestern im polnischen Fernehen ausgedrückt hat. Ausgerechnet auf dem Weg zur Trauerfeier verunglückte ein polnisches Regierungsflugzeug und Katyn wurde erneut zum Schauplatz der Vernichtung der polnischen Elite - es starben der Präsident und seine Frau, viele Politiker und Abgeordnete aller Parteien, die gesamte Armeeführung und viele ehemalige Mitglieder der Freiheitsbewegung der Gewerkschaft Solidarnosc, darunter auch die Urheberin des Streiks und Symbolfigur Anna Walentynowicz. Es starb auch Polens letzter Präsident im Exil Ryszard Kaczorowski - zur Erläuterung: die polnische Regierung floh, nach der Besetzung des Landes durch Deutschland und die Sowjetunion im Jahr 1939, nach London; dort blieb auch der Sitz der Exilregierung bis 1989, die sich anstelle der kommunistischen Partei in Polen als rechtmäßige Regierung verstand. Der erste Premierminister im Exil, Wladyslaw Sikorski starb 1943 ebenfalls bei einem Flugzeugabsturz über Gibraltar. Auch hier könnte man also wieder von "Fatum" sprechen.

"1940 starb die Blüte der zweiten polnischen Republik in Katyn, 70 Jahre darauf ist es die Blüte der dritten", so ein Kommentator des polnischen Fernsehens am gestrigen Tag.

Was folgt für Polen aus dieser Katastrophe? Als erstes einmal reiht sich dieses Unglück auf erschreckende Weise in die Geschichte des Landes ein: Bereits im 19. Jahrhundert sahen polnische Dichter der Romantik wie Adam Mickiewicz die Polen als "Märtyrer unter den Völkern" - das Land hatte am 3. Mai 1791 die erste Verfassung Verfassung Europas erlassen und wurde nur ein Jahr später von seinen Nachbarländern Russland, Preußen und Österreich geteilt. In zwei großen Aufständen versuchte das Land im November 1830 und im Januaraufstand 1863 seine Unabhängigkeit vergeblich wiederzuerlangen. Erst 1918, mit dem Zusammenbruch der Besatzerstaaten, konnte Polen wieder zu einem eigenständigen Staat werden und sich vor einem Angriff der Bolschewiken 1920 behaupten. 1939 wurde das Land wieder geteilt, diesmal zwischen der Sowjetunion und Deutschland - ein Großteil des Holocaust wurde durch die Deutschen auf polnischem Boden verübt, Millionen von Polen ermordet und von Deutschen und Sowjets aus ihrer Heimat vertrieben. Nach 1945 setzte die Sowjetunion eine Marionettenregierung in Warschau ein und das Land blieb bis 1989 kommunistisch.

Aus dieser Geschichte sind auch die Ressentiments zu verstehen, welche die Zwillingsbrüder Kaczynski 2005 zum Wahlerfolg verholfen haben - die z.T. irrationale Angst vor den großen Nachbarn Deutschland und Russland und die Furcht davor die erst vor kurzem erlangte nationale Souveränität erneut abgeben zu müssen, diesmal an die EU. Verständlich das jedes als bedrohlich empfundene Zeichen der Nachbarn, wie die Chefin des Vertriebenenverbandes Erika Steinbach oder die Ölpipeline zwischen Deutschland und Russland erhebliche Wirkung in Polen gehabt haben.

Doch Polen darf auf keinen Fall oberflächlich betrachtet werden: Die Zustimmung zur EU ist in Polen sehr hoch und die meisten sind auch dem Nachbarn Deutschland gegenüber Positiv eingestellt. Die wirtschaftliche Verbesserung seit 2004 hat zudem auch vielen die Angst genommen.
Der Kurs des Nationalkonservatismus der Brüder Kaczynski ist bei den letzten Wahlen 2007 gescheitert und auch für die Präsidentschaftswahlen im November 2010 hatte Lech Kaczynski nur noch eine Zustimmung von etwa 22%.

All das ist natürlich aktuell kein Thema mehr in Polen. Der Tod des Staatsoberhaupts macht alle Polen gleichermaßen betroffen, auch wenn man oft hört "Er hat meinen politischen Vorstellungen nicht entsprochen, aber menschlich ist es eine Tragödie" - viele sehen in Anlehnung an den Dichter Mickiewicz Polen erneut als "Märtyrer unter den Völkern" und immer noch neigen viele Polen zur romantischen Verklärung ihrer Geschichte: Die Teilung hatte etwa seine Ursache auch in der katastrophalen Zerstrittenheit unter dem polnischen Adel und die Aufstände wurden mit vielen Idealen aber mit wenig Sachverstand geführt, ohne die Mehrheit der Bevölkerung. Auch die aktuelle Katastrophe könnte durch die Ungeduld des Präsidenten ausgelöst worden sein, der vor zwei Jahren bereits einen Piloten entlassen hat, der sich geweigert hat bei schlechtem Wetter, in Tiflis (Georgien) zu landen.

Bleibt also zu hoffen dass sich das Land schnell von dem Unglück erholt und dadurch nicht wieder alte Ressentiments wieder aufkommen. Bis jetzt scheint aber das Gegenteil der Fall zu sein: In einer Gäste der Anteilnahme umarmte der russische Premier Putin seinen Amtskollegen Tusk, Russland hat für den Montag Staatstrauer angeordnet und der polnische Film "Katyn", über das Massaker von 1940 soll zur besten Sendezeit im russischen Fernsehen laufen. Vielleicht ein Neubeginn der polnisch-russischen Beziehungen, ein kleines Glück in einem gigantischen Unglück.
11.4.10 19:43


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Meinungsfreiheit - ein missverstandener Begriff?

Freiheit ist ein schönes Wort, Westernhagen hat der Freiheit ein Lied gewidmet und die Kanzlerin hat sie gefühlte 20 mal in ihrer Neujahresansprache erwähnt, natürlich ist sie auch im Internet ein Dauerthema. In meinem kleinen Blog heute, will ich mich aber nur mit einer speziellen (dafür aber sehr beispielhaften) Art der Freiheit beschäftigen – mit der Meinungsfreiheit.

Was bedeutet Meinungsfreiheit? Für mich im Augenblick, dass ich diesen Blog schreiben und ihn danach Online stellen kann, damit ihn Besucher anklicken und durchlesen können, oder auch nicht. Eine Selbstverständlichkeit? Sicher nicht! In China etwa wäre er sicher allein wegen seines Titels gesperrt, ein freundlicher Comicpolizist mit einem Stoppschild würde auftauchen und Besucher davon abhalten ihn zu lesen. Hier dagegen ist er theoretisch für alle zu erreichen, welche die deutsche Sprache zumindest verstehen und einen Internetzugang haben.
Klingt natürlich sehr selbstverständlich, vor allem weil wir es gewohnt sind und es einfach nicht mehr anders kennen. Würde ich also in diesem Text schreiben: „in Deutschland gibt es keine Meinungsfreiheit“, dann hätte ich die paradoxe Situation, dass wenn dies stimmen würde, ich ja meinen Text gar nicht schreiben und Online stellen könnte, also hätte ich mich dadurch selbst widerlegt – klingt komisch, ist aber so. (würde jetzt Peter Lustig sagen)

So und da wären wir schon bei einem interessanten Punkt: Was heißt eigentlich Meinungsfreiheit? Dieser Begriff wird oft verwendet, aber häufig auch missverstanden, was er nämlich nicht bedeutet ist, „ich darf sagen was ich will“. „Ja, wie jetzt?“ würde mich jetzt an dieser Stelle vielleicht der ein oder andere fragen, „immerhin schreibst du ja deinen Bog und stellst ihn auch Online, ohne dass es dir jemand verbietet.“ Bis jetzt schon, ja, aber was wäre wenn ich jetzt folgendermaßen anfangen würde: „Ich traf letztlich meinen Nachbarn xy, dieser hat doch tatsächlich seiner H*** von Tochter ein Auto gekauft, das blöde A****loch.....“. Tja, hier würde die Sache schon ganz anders aussehen, vor allem wenn bei xy ein Name eingefügt wäre. Wie jede Freiheit, hat die Meinungsfreiheit auch Einschränkungen: Diese Einschränkungen bestehen aber gerade deswegen, um die Freiheit zu schützen – also mal wieder sehr Paradox, aber logisch wenn man genauer darüber nachdenkt.

Generell kann man sich jetzt die Frage stellen: Wo hört meine persönliche Freiheit auf? Die Antwort darauf ist ziemlich klar: An dem Punkt an dem ich die Freiheit von jemand anders einschränke. Nachbar xy ist sicher nicht froh darüber, dass ich ihn ein A***loch nenne und seine nette Tochter eine H***. Paragraph 1 des Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – allein aus dem Grund verfällt hier meine Möglichkeit „alles zu sagen was ich will“ – damit verfällt aber nicht die Meinungsfreiheit an sich.

Die Probleme fangen eben in dem Moment an, in dem die Sache nicht mehr so eindeutig wird, wie bei meinem Nachbarn: Laut einem, vor kurzem vom Bundesverfassungsgericht, bestätigten Urteil gehört etwa die Leugnung des Holocaust nicht zur Meinungsfreiheit – sondern erfüllt den Strafbestand der Volksverhetzung. Gerechtfertigt oder nicht

Deutschland hat eine Verantwortung für seine Geschichte (nicht zu verwechseln mit der Verantwortung für die Taten selbst), außerdem schränkt die Leugnung des Holocaust genauso auch das Recht auf Würde für die Opfer ein. So ist zumindest meine Meinung. Wie muss sich jemand fühlen, der womöglich seine gesamte Familie in den Gaskammern verloren hat und selbst nur knapp mit dem Leben davongekommen ist, wenn einer kommt und sagt: „Nee, hast dir alles nur ausgedacht, haben alles die Amis und Zionisten erfunden“
Gehen wir also noch mehr ins Detail: Wie gerechtfertigt ist es wenn ein Thilo Sarrazin den Begriff „Kopftuchmädchen“ benutzt? Meinungsfreiheit oder Beleidigung? Ich würde jetzt nicht so weit gehen, hier eine Entscheidung zu treffen, da ich kein Jurist bin. Aber aufgrund eines bestimmten Kleidungsmerkmals (welches in dem Fall für die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft steht) über Leute pauschal zu urteilen und ihnen auf diese Weise die Individualität abzusprechen – dass ist zumindest grenzwertig.

Meinungsfreiheit gilt dementsprechend nur, wenn sie die Freiheit und Würde eines anderen Menschen nicht verletzt, eine Tatsache, welche viele heutzutage nicht mehr richtig verstehen können oder wollen.
2.2.10 22:18


Wenn die Welt zur Karikatur wird - Die globale Stille Post

Ich glaube alle kennen das Spiel „Stille Post“ – In diesem Spiel sitzen Kinder in einer Reihe und sagen sich gegenseitig ein Wort; meist kommt dabei ein Wort, dass von einer Seite reinkommt, völlig verändert, auf der anderen Seite wieder heraus – ein harmloser Spaß für jeden Kindergeburtstag. Was aber wenn die Welt zu einem großen Kindergeburtstag wird? Dann verändert sich dieses völlig unschuldige Spiel, auf einmal in tödlichen Ernst.

Wann erkennt man die Globalisierung besonders deutlich? Wenn in Dänemark eine Karikatur entsteht und in Folge davon, tausende Kilometer entfernt, dänische Flaggen brennen und über 50 Menschen ihr Leben verlieren. Eine Karikatur, entstanden im Kopf des Zeichners Kurt Westergaard, wandert über den ganzen Globus, bis sie schließlich in Palästina, Pakistan, Iran oder Saudi-Arabien wieder rauskommt. Auf ihrem Weg um die Welt verändern die Karikaturen jedoch ihr Gesicht, verschwinden eigentlich völlig, kommen wie das Wort bei der „Stillen Post“, völlig verändert auf der anderen Seite an.

Was ist passiert? Eigentlich meint man ja, in Zeiten globaler Informationsströme, dass alle Nachrichten ungefiltert über den Globus wandern, aber dem ist nicht so! Wer glaubt, dass die Karikaturen vom dänischen „Jyllands-Posten“, ohne Zwischenstationen, im Teehaus in Teheran ankommen, der irrt sich. Es ist eigentlich wie beim Kindergeburtstag: Irgendwo dazwischen sitzt immer ein gemeines Kind, dass den Begriff absichtlich ändert; und nicht viel anders ist dies auch im globalen Kindergarten.Radikale in vielen muslimischen Ländern, waren geradezu darauf versessen, die Nachricht über die Karikatur abzufangen, um sie in ihrem Sinn zu verändern. Chamanei, geistiger und politischer Führer des Iran, sah in den Karikaturen, eine „zionistischen Verschwörung“ und auch der Anführer der radikalen Hisbollah, Hassan Nasrallah mischte sich entsprechend ein.

Plötzlich wurden aus den 12 Karikaturen, hunderte und als Urheber galt auf einmal der dänische Staat, nicht mehr eine einzelne Zeitung. Gesehen haben die Karikaturen wohl die wenigsten der aufgehetzten Demonstranten. Das Ziel war für die politischen Agitatoren erreicht, eine veränderte, entstellte Version der Karikaturen macht die Runde, über die sie sich genauso höhnisch freuten, wie das fiese Kind, dass aus einem harmlosen Begriff etwas obszönes gemacht hatte. Dabei es für dieses Kind natürlich schön, selbst nicht in Verdacht zu geraten, im Endeffekt sucht man die Schuld dann beim Urheber der Kette.

Und heute? Die globale Kette der „stillen Post“ ist nicht nach zehn Kindern vorbei, sie zieht sich schier unendlich über den ganzen Globus. Nach fast 5 Jahren des Wanderns, hat die Kette wieder ihren Ursprung erreicht, der Karikaturenzeichner selbst wäre beinahe Opfer seines Werks geworden. Die ursprüngliche Idee ist dabei auf dem Weg von Dänemark, nach Saudi-Arabien und zurück verloren gegangen, den Karikaturisten trifft nun der Schatten dessen was er einst geschaffen hat. Wollte er damals bewusst provozieren? Hatte er eine Ahnung welche verhängnisvolle Kettenreaktion er anstößt? Wer trägt die Schuld? Der Absender? Derjenige der es weiterleitet und verändert? Oder der Empfänger? Bei der „stillen Post“ gibt es keinen Gewinner und auch keinen Verlierer, wie bei anderen Spielen; am Ende lachen alle über den komischen neuen Begriff der entstanden ist, nur selten ist ein Kind wirklich „böse“ und es kommt ein beleidigender oder obszöner Begriff heraus.

Bei den Erwachsenen ist es anders. Was sollen wir also tun? In der Mediengesellschaft des 21. Jahrhunderts führen Meinungen auf einmal ein Eigenleben. Die Kinder spielen nicht mehr mit dem Begriff, sondern der Begriff mit ihnen! Wenn dann auch noch die böse Absicht dahintersteht, egal ob beim absenden, weiterleiten oder empfangen, dann können Worte und Bilder töten!
4.1.10 10:18


2010 - Ein Jahr ohne Namen

Zweitausend Zehn – Zwanzig Zehn, wie soll man eigentlich das neue Jahr nennen? In den 90ern war es noch ziemlich eindeutig: Ein schönes Jahr Neunzehnhundertachtundneunzig oder schlicht Achtundneunzig, ein schöner Konsens, von niemandem angezweifelt. Auch die Dekaden waren klar eingeteilt: Die Diskojahre der 70er, die Hippies der 60er, die materialistischen 80er, alle Klischees sind hier genauso deutlich wie die Bezeichnung. Aber jetzt? Was waren jetzt die letzten Jahre? Die Null-Nuller? Die Zweitausender? Klingt doch alles irgendwie künstlich, unnatürlich, ungewohnt. Die Sendung „Akte“ ist da ein gutes Beispiel: „Akte Achtundneunzig“, ist lang aber klingt gut, aber „Akte Nulleins“? Oder „Akte Nullneun“? Plötzlich steht ist das gesamte Konzept der „Akte“ auf der Kippe – Einfach so weitermachen? Umbenennen? Die Redaktion entschloss sich wohl zum Status Quo – „wir ziehen das Konzept einfach durch, egal wie blöd es klingt“, könnte eigentlich auch das Motto der ganzen Dekade sein, also eigentlich symptomatisch.

Ist euch schon aufgefallen, dass es zwar die „goldenen 20er“ und die „miefigen 50er“ gibt, aber kein Mensch einen Namen für die Zeit von 1900 bis 1910 hat? Zehner? Neunzehnhunderter? Sagt kein Mensch! Und was war da eigentlich? Kaiser, Kolonien, die Endphase der Industrialisierung, eigentlich spricht man nicht wirklich viel über die Periode zwischen Jahrhundertwende und erstem Weltkrieg. Der Philosoph Heidegger war der Meinung, dass der Horizont des Menschen nur so weit geht, wie er ihn auch in Worte fassen kann, ergo: Was man nicht ausdrücken kann, kann man auch nicht denken. Spricht man deswegen nicht über die „10er“ oder die „Jahrhundertwendezeit“, weil es einfach ungewohnt und irgendwie dämlich klingt? Werden dann auch die letzten 10 Jahre einfach vergessen? Dabei ist ja eigentlich viel passiert: 11. September, Tsunamikatastrophe, die erste Frau wird Kanzler (oder Kanzlerin?). Deswegen sollte man eigentlich schnell einen passenden Namen finden, bevor diese ganzen Ereignisse aus dem Geschichtsbewusstsein verschwinden, weil keiner weiss wie er die Dekade nennen soll!

Der Namenstreit geht dabei quer durch die Parteien: In ihrer Neujahrsansprache sagt die Kanzlerin „Zweitausendzehn“, während Ex-Kanzler Schröder bereits vor 7 Jahren den Begriff „Zwanzig-Zehn“ prägte. Konservative „Zweitasender“ gegen progressive „Zehner“? Erkennt man die politische Gesinnung in Zukunft an der Bezeichnung des Jahres? Wäre also allein aus diesem Grund besser, schnell einen passenden Namen zu finden, bevor die letzten 10 Jahre genauso in Vergessenheit geraten, wie die glorreiche Dekade in der die Deutschen noch stolz ihre Pickelhauben getragen haben und immer Kaisserwetter war. Wenn nicht müssen wir wieder weitere 10 Jahre warten bis wir wieder in den 20ern sind. In dem Sinne - frohes neues Jahr und lasst euch was einfallen!
2.1.10 12:58


Der Landwirt, die Linke und die Weltpolitik

„Ich hab ne ganz schlimme Vermutung, dass dieses Afganischtan endet wie Vietnam, weil wir einfach dort nichts verloren haben“ ( www.youtube.com/watch?v=g2rkCgBciYk ) – dieser Satz stammt von einem Landwirt aus dem Parteiwerbespot der Linken, der neben seiner üblichen Landarbeit noch über die Weltpolitik nachsinnt. Ein Idealbild des gebildeten Werktätigen, fleißig bei der Arbeit und dennoch nachdenklich über die aktuellen politischen Themen. Ein Landwirt und Weltpolitik? Wie alles in den perfekt durchgeplanten Parteiwebungen, ist auch das kein Zufall, im Gegenteil! Nicht nur in der DDR als „Arbeiter und Bauernstaat“ wurde der Landwirt zum Träger der sozialistischen Gesellschaft und Politik stilisiert; alle sozialistischen Länder sahen im aufgeklärten Bauern, natürlich zusammen mit dem Arbeiter, einen der Eckpunkte ihrer Gesellschaft. Doch halt! Die Linke ist natürlich auch bemüht, trotz aller Verklärung der DDR in Medien und Gesellschaft, den real existierenden Sozialismus, der ihr wie ein Klotz am Bein hängt, möglichst loszuwerden. So ist der Landwirt in diesem Clip auch nicht der stilisierte Landwirt des „sozialistischen Realismus“, es ist der einfache Mann vom Bauernhof um die Ecke, mit Latzhose und einem gammeligen Tracktor. Warum ist also ausgerechnet der Landwirt die Stimme für die Außenpolitik der Linken?

Zunächst ein kleiner Blick in die Geschichte: Im 19. Jahrhundert gab es im zaristischen Russland eine Gruppe, die sich Narodniki nannte. Dies waren meist Studenten aus reichen Familien, die aber sehr begeistert von den Ideen des frisch aufgekommenen Sozialismus waren. Aber noch mehr: Sie sahen in den russischen Bauern die Substanz der russischen Nation und auch die Lebensweise der Bauern wurde als beispielhaft für eine sozialistische Gesellschaft gesehen. Die Narodniki waren Slawophile, sahen also in der Tradition der russischen Bauern, eine Alternative zum dekadenten Lebensstil der westlich geprägten Intellektuellen in den Städten. Das einzige was man jetzt zu tun hatte, war „ins Volk zu gehen“ und den Bauern über seine so vorbildliche Lebensweise aufzuklären. Die jungen Gelehrten machten sich also voller Enthusiasmus auf den Weg in die Dörfer, um den Bauern die frohe Botschaft zu verkünden. Es endete mit einem Debakel. Die Narodniki wurden verprügelt und aus den Dörfern gejagt. Die Bauern sahen einfach eingebildete Städter nicht gerne, die unverständliches Zeug faselten und den Zaren beleidigten. In den Jahren nach der Oktoberrevolution 1917 wurden die Bauern schließlich durch Zwang zu Sozialisten. Ende der Geschichte? Nein! 200 Jahre später hat es die Linke geschafft! Der aufgeklärte Bauer redet frei und ohne Zwang über Weltpolitik; völlig gleichberechtigt mit dem Akademiker; das Ziel der Narodniki ist erfüllt! Wenn auch 200 Jahre zu spät und auch noch im falschen Land.

Aber immer noch ist der Landwirt keiner von ihnen geworden! Keine Akademiker, kein Intellektueller nur der einfache Mann, der sich Gedanken über die Welt macht. Das spiegelt sich auch in seiner Sprache: „Ich hab ne ganz schlimme Vermutung“, keine Gewissheit! Der Akademiker würde sagen „ich bin der festen Meinung“ oder „ich bin mir sicher dass..“ . Aber nicht der Landwirt! Er reagiert wie es die Bauern schon immer gemacht haben, mit der viel zitierten „Bauernschläue“. Er weiß es nicht sicher aber er vermutet; woher sollte er es auch wissen? Er war noch nie am Hindukush und hat vielleicht auch noch nie ein Buch über das Thema gelesen. Dennoch ist er „aufgeklärt“, weiß wo Afghanistan liegt und hat auch seine Meinung dazu. Aber durch seine Bauernschläue, wird diese „Vermutung“ ja auch schon eine Gewissheit! Mit seinem besorgten Blick, denselben den er hat wenn er vermutet, dass die Kartoffelkäfer wohl dieses Jahr die Ernte fressen. Auch die Narodniki waren in ihren romantischen Vorstellungen, vom Bauern als „ungebildet aber dennoch schlau“ überzeugt! In der Erzählung „Herr und Knecht“ vom als slawophil bekannten Tolstoj etwa, warnt der leibeigene Kutscher den Herren in einen Schneesturm zu fahren. Natürlich ignoriert der Herr den weit unter ihm stehenden Kutscher und beide erfrieren letztendlich im Schnee.

Was lernen wir daraus? Der moderne, aufgeklärte Landwirt steckt alle Experten, Journalisten und Akademiker in den Schatten! Zumindest im Parteispot der Linken. Die Partei sagt damit aber nicht „wir werden in Zukunft soweit sein, dass selbst die Bauern über die Weltpolitik bescheid wissen“, Nein! Sie stellen uns vor vollendete Tatsachen: „Seht her! Dank der linken Politik der letzen 200 Jahre, ahnt selbst der einfache Landwirt, dass ihr mit eurer Weltpolitik falsch liegt“. Eine Kriegserklärung an alle Akademiker und Journalisten. „Deutschlands Sicherheit wird am Hindukush verteidigt?“ (Peter Struck), dieser Satz wird mit dem einfachen „weil wir dort einfach nichts verloren haben“ des Bauers hinweggefegt, auf die einfache und bodenständige Art . Keine Zahlen, keine Statistiken, keine Pläne, wir haben auf dem Boden des anderen nichts verloren und fertig! Liegt darin eine Spur von Solidarität mit den Standesgenossen? „Endet wie Vietnam“ ist ja schon ein Satz wie ein Mahnmahl! Im Vietnamkrieg besiegten einfache Reisbauern, den technisch weit überlegenen Gegner aus den Staaten. Auch Afghanistan ist ein Land, dass außer Landwirtschaft kaum etwas zu bieten hat. Vor 200 Jahren war das bei uns auch nicht anders. Der Bauer mit der Latzhose auf dem Tracktor, als letzter Überlebender einer archaischeren Welt, die es auch bei uns einmal gegeben hat. Mit seinem „wie“ erinnert er uns nicht nur an den Vietnamkrieg vor gut 30 Jahren, sondern auch an unsere eigene Vergangenheit. „Wisst ihr wie es bei uns einmal gewesen ist?“ schwingt in der Frage des Landwirts mit, als es in Deutschland keine Industrie, ja eigentlich noch nicht einmal ein „Deutschland“ gab. Wie hätten wir, die Bauern, auf einen Angriff von außen reagiert? Natürlich würden wir, mit der Mistgabel in der Hand, um unser Fleckchen Land kämpfen!

Heutzutage ist das anders. Die einzige Waffe des Landwirts ist das Wort und er hat gelernt es zu benutzen. Wo Anzugträger mit Schlips und Krawatte versagen, da wirkt das letzte Bisschen der archaischen Kraft des Bauern. Also der Tipp für die missverstandenen Außenpolitiker in Deutschland: Raus aus dem Anzug, rein in die Latzhose, raus aus dem Dienstwagen, rauf auf den Trekker. Wenn die Sache dann schief läuft, Afghanistan in einem blutigen Bürgerkrieg versinkt wenn die NATO weg ist, dann kann man ja sagen: „Warum habt ihr auch mich gefragt? Was weiss ich denn? Ich bin doch nur ein Landwirt!“
22.9.09 13:41





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